world-4-hosting

Top Hosting für Kunden aus Service/Handwerk/Gewerbe/Industrie

Friedrich Chris

Dieser suchte den gesunkenen Wohlstand wieder empor zu bringen, erweiterte deshalb die 1739 errichtete Landesökonomie-, Manufactur- und Commerziendeputation, gründete 1765 die […] Mehr lesen

Mehr lesen

Das Zaubers

Ihr, die, die Rel'gion zu schänden, Sophismen lehrt, Merkts euch! Ihr führt mit frechen Händen Das Zauberschwert. Zwar werden manchesmal die Schwachen Von euch besiegt; Doch […] Mehr lesen

Mehr lesen

Ißt man die Keule

und Coteletten von ihnen? fragte der Seemann. Es waren das keine gewöhnlichen Schafe, sondern eine in den Gebirgsgegenden der gemäßigten Zonen sehr verbreitete Art, denen […] Mehr lesen

Mehr lesen
FreeTraffic FreeTraffic Server-Hosting Europa USA Asien FreeTraffic Speicherplatz Cloud Hosting

Web World 4 Hosting für Tourismus, Service, Handwerk, Handel, Industrie...

Das schweigende Dampfschiff im Elbe-Nebel.

Der Pakt von der Mittleren Elbe.

Der Käpt’n von der „Elbfrieden“ wusste, dass das Holz unter seinen Füßen nur noch aus Gewohnheit schwamm. Die Planken waren morsch, der Kessel ein rostiger Alptraum, und die Schulden lasteten schwerer als die volle Ladung Kohle aus Böhmen. An jenem Abend im November 1874, als der Nebel die Elbe bei Pirna zu einem stillen, grauen Tuch verwebte, bot sich ihm ein Ausweg an. Der Fremde bestieg das Schiff ohne Geräusch, sein Mantel trotz der Nässe trocken. Sein Angebot war einfach. Das Schiff würde gedeihen, immer und ewig. Der Preis war nicht nur die Seele des Käpt’ns, sondern jede Seele, die fortan auf diesem Schiff den Tod fände. Als Handgeld und Siegel des Vertrags drückte der Fremde dem Mann eine kalte, schwere Eisenrattenfalle in die Hand. Sie roch nach altem Blut und rostigem Mechanismus. Der Käpt’n nahm sie. Das Schiff fuhr weiter.

Der graue Fluss.

Lena schloss das Notizbuch und der gedämpfte Knall des Deckels war das einzige Geräusch in der Welt. Die Elbe lag bleiern und träge unter einem wolkenverhangenen Himmel, ein breites, schmutziggraues Band, das sich durch die Auen schlängelte. Der Geruch von modrigem Wasser, von abgestandenem Fluss und verrottendem Treibgut hing in der Luft, vermischt mit dem scharfen Biss von Diesel aus einem nahen Schlepper. Vor ihr, an der schäbigen Anlegestelle in Riesa, knirschte das Dampfschiff „Elbfrieden“ leise gegen die alten Autoreifen, die als Fender dienten. Es war ein Relikt, ein buckliger, schwarz-weißer Koloss mit verblichener Vergoldung an der Radkappe. Sein Schornstein ragte wie ein abgebrochener Grabstein gegen den Himmel. Aus ihm stieg kein Rauch auf, kein Lebenszeichen. Es wirkte nicht verlassen, sondern wartend. Ein Tier, das den Atem anhält.

Der Mann aus Holz.

Der Kapitän war ein Mann aus der gleichen Substanz wie sein Schiff. Er materialisierte sich an der Gangway, keine door hatte sich geöffnet. Eine gebeugte Gestalt in einer Uniformjacke, deren dunkles Blau an den Ellenbogen und Kanten zu einem fahlen Grau verschlissen war. Sein Händedruck war kurz und hart, eine trockene, raue Berührung wie Rinde. Seine Augen, zwei wasserhelle Flecken in einem von Wind und Salz und unausgesprochenen Sorgen zerknitterten Gesicht, musterten sie, ohne etwas preiszugeben. Er hieß Borchert. „Sie wollen also über die alten Dampfer schreiben“, sagte er. Seine Stimme klang wie das Knarren von Holz unter wechselndem Druck, ein Geräusch aus der Tiefe des Rumpfes. Er führte sie über das Deck, dessen Planken unter ihren Schritten ein hohles, klagendes Echo von sich gaben. Lena sah die feinen Risse im Lack, das Grünspan an den Nieten, die makellose Sauberkeit, die keinem Staub, keinem Vogelkot erlaubte, zu bleiben. Es war die Sauberkeit einer Gruft.

Die Zelle und das Eisen.

Ihre Kajüte war eine enge Zelle mit einer Koje, einem kleinen, an der Wand festgeschraubten Schreibtisch und einem Bullauge. Das Glas war so dick und blind, dass die Welt draußen nur noch als grünlicher, fließender Schimmer existierte, wie der Blick durch eine uralte Flasche. Lena packte ihren Laptop aus, ließ ihn aber ungeöffnet. Ihr Blick, ihr ganzer Sinn, wurde von der Wand über dem Schreibtisch eingefangen. Auf einem einzigen, dickköpfigen, rostigen Nagel hing eine alte Rattenfalle. Sie war aus grobem Schmiedeeisen, der Schlagbügel verdreht und in dieser Position festgerostet. An den Zähnen der Schlagstange hafteten winzige, bräunliche Krusten. Sie war kein Kuriosum, keine Dekoration. Sie war ein Eindringling. Ihre bloße, offensichtliche Hässlichkeit in diesem beengten Raum war eine Provokation. Lena streckte die Hand aus, ließ sie aber einen Fingerbreit davor in der Luft erstarren. Eine Kälte ging von dem Ding aus, eine Art stumpfer Schmerz, der in ihren Knöcheln nachhallte. Sie ließ die Hand sinken.

Das Erwachen des Riesen.

Die Maschine erwachte mit einem Stöhnen, das durch die Sohlen in die Knochen stieg. Es war kein triumphales, jauchzendes Pfeifen, von dem die alten Reisebeschreibungen schwärmten. Es war ein tiefes, metallisches Ächzen, als werde in den Eingeweiden des Schiffes ein riesiges, rostiges Gelenk gewaltsam bewegt. Ein Zittern lief durch den gesamten Rumpf, ein Fiebern. Die „Elbfrieden“ löste sich von den Autoreifen mit einem seufzenden, saugenden Geräusch. Lena stand auf dem Außendeck, das Geländer kalt und feucht unter ihren Händen, und sah der Stadt beim Verschwinden zu. Backsteingiebel und Krananlagen verwandelten sich in eine undeutliche, graue Silhouette, die im Flussdunst verschwamm. Der Kapitän stand reglos an seinem Rad im Steuerhaus oben, ein Schatten hinter der mattierten Scheibe, ein Profil aus Konzentration und Gram. Das Schiff bewegte sich stromaufwärts, gegen die träge, braune Strömung. Die Welt reduzierte sich auf das monotone, keuchende Atmen der Maschine, das Plätschern des Schaufelrads und eine drückende, tiefe Stille, die sich über alles legte. Eine Stille, die nicht die Abwesenheit von Geräusch war, sondern ihre Unterdrückung.

Das Mahl und das Schweigen.

Das Abendessen nahmen sie in der kleinen Messe ein, einem Raum, der nach Wachs und altem Bratenfett roch. Borchert aß sein Kartoffelpüree und Labskaus mit der methodischen Gründlichkeit eines Maschinisten, der eine Routinewartung vornimmt. Jede Gabelbewegung war präzise, ökonomisch. Er sprach kein Wort. Das Klirren von Messer und Gabel auf dem groben Steingut war das einzige Gespräch. Lena versuchte, die Stille mit der Frage nach den besten Strecken für Fracht in den Zeiten der DDR zu füllen. Der Kapitän legte sein Besteck parallel nebeneinander, wischte sich mit einer zusammengefalteten Papierserviette den Mund ab. „Geschichte“, wiederholte er das Wort, als wiege er es. „Die Geschichte ist wie der Fluss hier. Sie trägt alles mit sich. Aber in den Stillen, in den Altwassern, da setzt sich manches ab. Da bleibt es liegen. Und gärt.“ Dann stand er auf, sein Stuhl scharrte über den Linoleumboden, und er verschwand in den dunklen, schmalen Gängen seines Schiffes. Lena blieb allein mit dem Nachhall seiner Worte und dem unablässigen, vibrierenden Summen der Maschine, das sich durch die Tischplatte in ihre Arme fraß.

Der Chor der Nacht.

In der Nacht kam das Rascheln. Es war kein Tiergeräusch. Es klang wie schwere Seide, wie ein langer Rock, der über blanken Holzboden gezogen wird. Dann kamen die Stimmen. Nicht von draußen, nicht von hinter der Tür. Sie quollen aus den Holzwänden selbst, aus den Spalten zwischen den Planken. Ein Geflüster aus vielen Mündern, ein Gemurmel von Worten, die sich auflösten, ehe der Sinn sie fassen konnte. Dazwischen ein leises, trockenes Schluchzen, das immer wieder abbrach. Lena erstarrte in ihrer Koje. Das kalte, fahle Licht einer halben Mondes fiel durch das blinde Bullauge und schnitt die scharfe, gezackte Silhouette der Rattenfalle schwarz an die Wand gegenüber. Die Geräusche kamen nicht näher. Sie umtanzten die Kajüte. Sie umschlossen sie wie ein unsichtbares Gewebe. Lena atmete flach durch den Mund. Der Gedanke formte sich klar und hart in ihr: Das ist kein Zufall. Er hat mich hierher gebracht. Das Schiff hat mich ausgewählt. Sie schloss die Augen so fest, bis sie nur noch das hämmernde Schlagen ihres eigenen Blutes hörte, und so wartete sie auf den Morgen.

Das Buch der Schuld.

Am nächsten Tag fand sie das Logbuch, als suchte es sie. Sie brauchte eine Steckdose für ihren Lader und stöberte in einem schmalen Abstellraum voller tauber Seile, verrostetem Schraubenschlüsseln und dem beißenden Geruch von Maschinenöl und Moder. In einer Kiste aus splitterndem Holz, unter abgegriffenen Seekarten, die die Elbe in längst vergessenen Verläufen zeigten, lag es. Ein schwerer Ledereinband, das Leder gesprungen, salzkrustig und kalt. Sie blätterte vorsichtig. Die Seiten waren aus starkem, gelblichem Papier, die Einträge in einer festen, altmodischen Kurrentschrift verfasst, nüchterne Notizen zu Fracht, Pegelständen, Kohleverbrauch. Bis zum Eintrag vom 17. November 1874. Dort stand, in einer plötzlich zittrig gewordenen, nachdunkelnden Tinte: Heute, im Nebel bei Pirna, nahm ich das Angebot des Herrn an. Die Frieden wird leben in Ewigkeit. Der Preis ist bekannt und wird gezahlt. Das Siegel ist in meiner Hand. Gott vergib mir. Auf der gegenüberliegenden Seite war keine nautische Notiz. Nur eine grobe, aber eindeutige Skizze, mit heftigen Strichen hingeworfen: die Rattenfalle. Lena spürte, wie eine eisige Hand ihre Wirbelsäule hinabfuhr. Das Rascheln in der Nacht hatte den muffigen, süßlichen Geruch von altem Papier und Tinte gehabt.

Das Erbe des Paktes.

Sie konfrontierte Borchert am späten Nachmittag, wo die Sonne die felsen der sächsischen Schweiz in blutiges Rot tauchte. Er stand an der Reling, die Hände um das Holz gekrallt, und starrte auf das vorbeiziehende Ufer, als lese er in einem unendlichen, traurigen Buch. „Das Logbuch“, sagte Lena und hielt es zwischen sie wie einen Schild. „Wer war der Herr?“ Der Kapitän drehte sich nicht um. Sein Rücken war eine angespannte, gerade Linie unter der Jacke. Lange sagte er nichts. Das Schiff atmete für ihn. „Mein Urgroßvater“, kam die Antwort endlich, ein raues Flüstern, das der Wind fast davontrug. „Kapitän Friedrich Borchert. Er rettete das Schiff. Und er verfluchte uns alle.“ Langsam, als reiße er jedes Wort unter Schmerzen aus seiner eigenen Brust, erzählte er. Von der drohenden Pleite, den lachenden Gläubigern, dem Gefühl, zu versinken, noch ehe das Schiff es tat. Vom Fremden im Nebel, der kein Geld verlangte. Vom Pakt. „Das Schiff gedeiht, ja. Es rostet nicht durch. Es sinkt nicht. Es übersteht jeden Sturm. Aber es stirbt auch nicht. Es wird nie stillgelegt. Und es ist nie allein.“ Sein Blick glitt zu einer Stelle auf dem Deck, wo das Holz dunkler, fast schwarz war, eine eingewaschene, niemals zu entfernende Tünche. „Die Frieden sammelt. Jede Seele, die an Bord den Tod findet, gehört fortan ihr. Sie gehört Ihm. Die Rattenfalle ist das Siegel. Sie hält den Pakt am Leben. Und ich… ich bin der Verwalter.“

Die Mechanik.

Die Mechanik der Verdammnis offenbarte sich in der Kapitänskammer, einem Raum, der einer Kapelle glich. Borchert führte sie hinein. Der Raum war penibel aufgeräumt, eine Schreibtischlampe warf einen engen Lichtkreis. In einer kleinen Glasvitrine, auf einem karmesinroten Samtkissen, lag eine zweite Rattenfalle. Identisch mit der in Lenas Kajüte in Form und Größe, doch diese hier war blank poliert, das Metall schimmerte kalt und scharf wie ein Skalpell. Kein Rost, kein Staub. „Das ist die aktive“, sagte er, seine Stimme war jetzt nur noch ein matter Hauch. „Die in Ihrer Kabine ist das Original, das Handgeld von 1874. Sie ist das Symbol, die Erinnerung. Diese hier…“ Er deutete auf die glänzende Falle. „… ist die Waffe. Der Vollstrecker.“ Er erklärte es mit der monotonen Präzision eines Technikers. Alle fünfzig Jahre, wenn der Zyklus des Pakts sich dem Ende zuneigte, musste der amtierende Kapitän die Falle mit einer neuen Seele laden. Ein Unfall, der arrangiert werden musste. Ein bereitwilliges Opfer, das an Bord gebracht wurde. Jemand, der auf dem Schiff starb. In dem Moment des Todes wurde diese blanke Falle geschlossen, ein symbolischer Akt, und der Pakt erneuerte sich für weitere fünfzig Jahre. Die zuvor gesammelten Seelen blieben, Geister im Bauch des Schiffes, ein ewiger, leidender Chor. Die Zeit war fast um. Borchert hatte noch zwei Tage. „Ich kann es nicht mehr tun“, gestand er, und zum ersten Mal sah sie die nackte Angst in seinen wässrigen Augen. „Ich habe fünfzig Jahre mit ihrem Geflüster gelebt. Fünfzig Jahre lang ihre Gesichter im Augenwinkel gesehen. Ich bin müde.“

Das Belegte Haus.

Von diesem Moment an sah Lena das Schiff mit anderen Augen. Jede leere Bank auf dem Achterdeck war nicht mehr leer. Sie war der Platz, an dem ein Matrose vor einem Jahrhundert beim Entern der Takelage abgerutscht und mit einem gedämpften Knall aufs Deck geschlagen war. Der enge Gang zur Maschine war der Ort, wo ein Heizer 1918 an der Spanischen Grippe erstickt war, sein Fiebergesicht von der glutroten Ofenöffnung beleuchtet. Die stille Ecke neben dem Rettungsboot war der letzte Aufenthalt eines Kindes gewesen, das 1945 auf der Flucht an Diphtherie starb. Der Flüsterchor in der Nacht bekam Gesichter, Altersspuren, Kleider. Der Teufel war kein feuerspeiender Dämon. Er war der Geschäftspartner, der seine Abrechnung erwartete. Der höfliche, geduldige Fremde von einst. Lena sah ihn nun öfter, immer aus dem Augenwinkel: eine elegante Gestalt im Gehrock am Bug stehend, die Hände auf dem Rücken, den Blick auf den Fluss gerichtet. Er wartete auf seine Lieferung. Er wartete auf Borchert.

Das Angebot.

Die Entscheidung konfrontierte sie in der Dämmerung des vorletzten Tages, in der glasigen Stille vor dem Abendessen. Borchert suchte sie in ihrer Kajüte auf. Sein Atem roch nach Angst und altem Kaffee. Er bot ihr alles an – die Papiere des Schiffes, sein erspartes Geld, das in einer Rostocker Bank vergraben lag – wenn sie ihm die Last abnahm. Wenn sie die Falle stellte. Er zeigte ihr ein loses Geländerseil, das er nur angezogen, aber nicht befestigt hatte. Er deutete auf die dunkle, steile Treppe zum Kohlebunker. Ein Sturz wäre plausibel. Ein Unfall. Sie war die einzige Passagierin. Zeuge und Täterin in einer Person. Lena sah ihn an, sah die Geister, die ihn unsichtbar umdrängten, und sie sah die kalte, blanke Falle in der Vitrine vor ihrem geistigen Auge. Sie dachte an ihre Karriere, an saubere Artikel in Kulturmagazinen, an die rationale Welt der Fakten. Diese Welt war eine Illusion, ein dünner Firnis über einer anderen, älteren Realität. Hier, auf dem fließenden Wasser, galt nur die schroffe, einfache Mechanik von Schuld und Bezahlung. Sie schüttelte langsam den Kopf. „Ich werde Ihnen nicht helfen, einen Mord zu begehen“, sagte sie, und ihre eigene Stimme klang ihr fremd und fest. Sein Gesicht zerfiel. In ihm kämpfte grenzenlose Erleichterung mit absoluter Verzweiflung. Er nickte nur und ging, ein Mann, der sein letztes Ufer erreicht hatte.

Der Schlüssel im Siegel.

Die Lösung, erkannte Lena in der bleiernen Stille der darauf folgenden Nacht, lag nicht in der Waffe, sondern im Symbol. Sie saß auf ihrer Koje, das Logbuch auf den Knien, und starrte die rostige Originalfalle an. Das Handgeld. Das Siegel des Vertrags. Ihr Großvater war Dorfschmied gewesen. Sie erinnerte sich an seine riesigen, schwieligen Hände, wie sie einen gebrochenen Pflug reparierten, und an seine Stimme: Lena, mein Kind, bei so altem Eisen muss man nicht immer hämmern. Manchmal ist es eine einzige Niete. Finde die, lockere sie, und das ganze Ding fällt auseinander. Sie nahm die Falle vorsichtig vom Nagel. Die Kälte durchfuhr sie bis in die Zähne. Sie wog unnatürlich viel. Sie untersuchte den verdrehten, festgerosteten Schlagbügel, die einfache, teuflische Mechanik des Auslösers. Nicht die aktive, blanke Falle musste zuschnappen, um den Pakt zu erneuern. Das Siegel selbst, dieser ursprüngliche Beweis des Deals, musste gebrochen werden. Der Vertrag musste an seiner Wurzel für ungültig erklärt werden. Aber wie? Man konnte einen Pakt nicht einfach widerrufen. Man konnte ihn nur erfüllen oder brechen. Und Brechen erforderte einen anderen Mut als den zum Mord. Es erforderte den Mut zur Vernichtung.

Der Vorschlag der Vernichtung.

Sie ging zu Borchert in die messingglänzende Kommandobrücke, die Falle wie eine Monstranz vor sich hertragend. „Der Vertrag sagt, das Schiff gedeiht, und Sie liefern im Gegenzug Seelen“, begann sie, ihre Worte schnitten durch das monotone Summen der Maschine. „Was passiert, wenn das Schiff nicht mehr gedeiht? Wenn es aufhört zu existieren?“ Er drehte sich vom Steuerrad zu ihr, sein Gesicht eine Maske aus Fassungslosigkeit. „Die Frieden… sie kann nicht sinken. Der Pakt…“ „Der Pakt schützt das Schiff“, unterbrach Lena ihn mit einer Ruhe, die sie selbst erschreckte. „Aber was, wenn der Kapitän es nicht mehr will? Wenn er das Siegel, den Beweis des Deals, eigenhändig zerstört?“ Sie hielt die rostigen Eisenstücke hoch. Das fahle Licht der Navigationslampe ließ die tiefen Rosten schimmmern. „Dies hier ist der Vertrag. Wenn es keinen Beweis mehr gibt, gibt es keinen Deal. Die Grundlage entfällt.“ Ihr Plan war purer, klarer Wahnsinn. Er erforderte das ultimative Opfer. Nicht einer unschuldigen Seele, sondern des Schiffes selbst. Und dessen Kapitäns. Es war das Ende der „Elbfrieden“.

Die Zustimmung.

Borchert willigte mit einer Ruhe ein, die erschütternd und friedvoll zugleich war. Die lastende Müdigkeit, die ihn seit Jahrzehnten krümmte, schien von ihm abzufallen. Die Idee einer endgültigen Lösung, selbst wenn sie die eigene Vernichtung bedeutete, schenkte ihm eine fast heitere Entschlossenheit. Er war satt. Satt von den Flüstern, von der Bürde der Blutlinie, von der unermesslichen Schuld seines Urgroßvaters. In jener letzten Nacht bereiteten sie alles mit der Sorgfalt eines Rituals vor. Lena trug die blank polierte, aktive Falle aus der Vitrine in einer Tasche und die rostigen Stücke der Originalfalle an einem festen Bindfaden um den Hals. Sie fühlten sich an wie ein Stück Eis und ein Stück glühende Kohle auf ihrer Brust. Der Geisterchor an Bord wurde laut, ein aufgewühlter Sturm aus gefangenen Seelen, die spürten, dass sich ein Knoten löste, dass eine Entscheidung von ungeheurer Tragweite fiel. Der höfliche Fremde stand am äußersten Bug, den Rücken ihnen zugewandt, und blickte auf das dunkle Wasser. Sein Profil, das Lena im Mondlicht sah, zeigte weder Zorn noch Vorfreude. Nur das tiefe, zeitlose Interesse eines Sammlers, der den Abschluss eines langen Tauschs erwartet.

Die letzte Fahrt.

Sie steuerten die „Elbfrieden“ in die tiefste, dunkelste Rinne der Elbe. Vor der Bastei, wo das Wasser zwischen den gigantischen Sandsteinfelsen schwarz und träge und unergründlich war. Der Motor arbeitete, ein letztes, keuchendes Lied. Borchert stand am massiven Holzrad, sein Gesicht war entspannt, fast lächelnd im Schein der Kompasslampe. „Sie müssen von Bord, bevor es geschieht“, sagte er zu Lena, ohne sie anzusehen. „Nehmen Sie das Beiboot.“ „Nein“, sagte sie. Ihre Hand schloss sich um die rostigen Eisenstücke an ihrer Brust. „Ich muss sehen, wie der Vertrag bricht. Ich muss es bezeugen.“ Sie nahm die gebrochene Falle vom Hals. Die beiden Teile, Bügel und Schlagmechanik, noch durch Rost verbunden, fühlten sich an wie Reliquien. Mit aller Kraft ihres Körpers und des aufgestauten Entsetzens schlug sie sie gegen den massiven, eisernen Pfosten des Steuerrads. Einmal. Ein hohler, klagender Ton. Zweimal. Rost splitterte. Beim dritten Schlag, einem Aufschrei aus ihrer Kehle, krachte Metall auf Metall mit einem grellen, nicht natürlichen Schrei. Die Originalfalle zerbarst endgültig in zwei scharfe, rostige Scherben. Gleichzeitig erfüllte ein markerschütterndes, hohes Kreischen die Luft, als zerrissen tausend Blätter Pergament, tausend seidene Fahnen auf einmal. Es war ein Schmerzensschrei aus der Substanz des Schiffes selbst. Dann, jäh, absolute Stille. Das Summen der Maschine verstummte.

Das freigegebene Ende.

Das Schiff begann zu sterben, und es war ein befreiender Anblick. Es war kein spektakulärer Untergang mit gebrochenem Rücken und aufschäumenden Wellen. Es war ein langsames, würdevolles Aufgeben. Ein tiefes, erschöpftes Knacken lief durch den gesamten Eichenrumpf, von Bug zu Heck. Das Holz, das ein Jahrhundert lang durch teuflischen Willen am Leben erhalten worden war, morschte in Sekundenschnalle zu brüchigem, nassem Schwamm. Wasser sickerte nicht mehr, es brach ein, durch die Planken, durch die Nähte. Die „Elbfrieden“ seufzte, ein langer, warmer Atemhauch aus allen Luken und Spalten, und sackte tiefer. Borchert lächelte. Um ihn herum, an Deck, in den Gängen, wurden die Schatten durchscheinend, gewannen für einen Augenblick Kontur. Sie sahen Lena Gesichter, viele Gesichter, die sich aus der Dunkelheit lösten, aufblickten, und ein sanftes, verschwindendes Leuchten von unendlicher Erleichterung erfüllte sie. Sie lösten sich auf, wie Rauch in einer plötzlichen Brise. Der Fremde am Bug drehte sich um. Sein Blick traf Lena, und er neigte seinen Kopf in einer merkwürdigen, fast respektvollen Geste. Dann löste auch er sich in Nichts auf, ein Schatten, den das Licht des anbrechenden Morgens vertrieb. Lena sprang, als das Deck unter ihren Füßen weich wurde und nachgab. Das eiskalte, schwarze Wasser der Elbe schloss sich über ihr, riss sie in die Tiefe des Rumpfes. Sie kämpfte sich frei, brach hustend und keuchend wieder an die Oberfläche. Das Schiff war fort. Nur ein großer, wirbelnder Strudel, aufsteigende Luftblasen und ein paar schwimmende Holzsplitter markierten die Stelle. Dann nichts. Nur das leise, unendliche Rauschen des Flusses. Die Stille war nun eine echte, tiefe, friedliche Stille. In ihrer geschlossenen Faust, die sie krampfhaft vor der Brust hielt, spürte sie die scharfen Kanten der gebrochenen Eisenteile. Sie waren warm. Sie schwamm zum nahen Ufer.

Das leise Rauschen des Flusses.

Der Artikel, den Lena schrieb, handelte von der verschwundenen Tradition der Elbdampfschifffahrt und dem Wandel der Flusslandschaft. Er erwähnte die „Elbfrieden“ als ein tragisches, letztes Beispiel einer untergegangenen Ära, ein Schiff, das still und ohne Zeugen von den Registern gestrichen worden sei. Sie schrieb nichts von Flüstern in der Nacht, von höflichen Fremden oder der präzisen Mechanik uralter Pakte. Diese Geschichte gehörte dem Fluss, und der Fluss bewahrte seine Geheimnisse. Die beiden rostigen Eisenstücke bewahrte sie in einer Schachtel auf ihrem Schreibtisch auf. Manchmal, wenn sie an der Elbe steht, besonders in den nebligen Tagen des Spätherbstes, meint Lena, ein leises, befriedetes Rascheln zu hören, wie von seidenen Röcken, die sich für immer zur Ruhe legen. Und manchmal, ganz selten, sieht sie aus dem Augenwinkel das flüchtige Profil eines Mannes am Ufer, der in den Fluss blickt, bevor er sich auflöst. Sie hält dann die Schachtel in der Hand und spürt ihr Gewicht. Nicht das erdrückende Gewicht der Schuld, sondern das leichte, klare Gewicht einer gelösten Schuld. Die Elbe trägt alles davon, irgendwann. Die Schiffe. Die Geister. Die Teufel. Auch die alten, gebrochenen Fallen. Sie trägt es dem Meer entgegen, wo alles Salz wird und sich auflöst.


Mit herzlichem Dank und den besten Wünschen,
Ihr Kartograf der Kuriositäten und globetrottender Geschichtenerzähler

uwR5


*Der geneigte Leser möge entschuldigen, dass wir nicht erwähnen, welche Orte, Ortsnamen und Sehenswürdigkeiten im Verlaufe der vergangenen mehr als 100 Jahre, durch den ersten und zweiten Weltkrieg, viele Jahre entwickelte Sozialistische Gesellschaft und mehrerer Rechtschreibreformen verloren gingen oder geändert wurden.

Quellenangaben:
Inspiriert von den düsteren Erinnerungen an einem herbstlichen Vormittag
Der Sagenschatz des Königreichs Sachsen,
Meyers Konversations-Lexikon 3. Auflage 1874 - 1884
Wikipedia – Die freie Enzyklopädie

Der Tempel in Diesbar Seuslitz  strahlt, wo der Richter der Völkerkämpfe letzter Schlichter, der Nationenhirte, thront und das Nicken seiner dunkeln Brauen durchzückt die Welt um den Park mit frommem Grauen 646 Diesbar Seuslitz Park 652 Land bei Diesbar Seuslitz, das die heilige Sage feiert, nach dem des Geistes Auge sieht, aus dem Novemberqualm entschleiert sich uns dein priesterlich Gebiet, es scheut, was ihm zu Füßen wohnt im Park 651

weiterlesen =>  

­

Internet-Magazin für Informationen + Suche

Die Stille am Dom zu Köln

Der Domplatz, so vertraut und belebt, taucht in die Nacht. Die Lichter der Gaslaternen tauchen das uralte Pflaster in ein warmes, fahles Licht. Doch als die letzte Glocke verstummt, legt mehr lesen >>>

Das Echo des Schmerzes hat am

Ein schmaler Umschlag ohne Absender, ein unerwartetes Päckchen Hoffnung in der bleiernen Leere des Lebens. Ein Jahr war vergangen, seit die Stille die einzige Antwort war. Dann mehr lesen >>>

Jeder Regentropfen ist ein

Die Welt war eingekapselt in der trockenen Stille der Wohnung, bis ein ungestümer, beinahe unwiderstehlicher Impuls einen Mann in das lebendige Chaos hinauszog. Es mehr lesen >>>

Im Zauberspiegel blieb ein

Die Luft im Garten war schwer vom Duft verwelkender Rosen und einer unsagbaren Stille. Im Haus, hinter der schweren Samtgardine, die nach diesem Garten mehr lesen >>>

Goldene Wellen, ein

Die steinerne Stille des Archivs, nur durchbrochen vom leisen Rascheln vergilbten Pergaments, verbarg ein Geheimnis aus einer anderen Zeit. Ein mehr lesen >>>

Ritter steigen aus der Gruft,

Die kalte Nachtluft lag schwer über dem verlassenen Steinbruch bei Forchheim. Ein eisiger Wind fuhr durch die leeren Maschinenhallen und mehr lesen >>>

Der Wind erzählt von einem

Das Königreich atmete den süßen, fauligen Atem der Angst. Er hing über den Märkten, wo das Gemurmel der Händler jetzt ein mehr lesen >>>

War das Knarren im

Ein ganz normales Haus, erfüllt von der Vorfreude auf neues Leben. Ein helles, unfertiges Kinderzimmer. Doch dann mehr lesen >>>

Kein Wettgesang

Die Dresdner Chorszene, ein stolzes Echo jahrhundertealter Tradition, erbebt, als ein renommierter Dirigent mehr lesen >>>

Ein Spatzen Lied webt die

Stell dir eine Landschaft vor, in der die Morgenstille nicht von Vogelgesang, sondern von einem mehr lesen >>>

Das Haus, es seufzt und

Ein alter Brief mit einem unbekannten Erbe zieht einen Mann in die Stille eines mehr lesen >>>

Das Netzwerk der stummen

Dresden ist kein Ort aus Stein, sondern ein lebendiges Uhrwerk, dessen mehr lesen >>>

Das steinerne Gedächtnis

Die sächsischen Straßenzüge strahlen eine Schwere aus, den mehr lesen >>>

Branntwein und eine

Die Elbe liegt erstarrt unter einer Decke aus schwerem mehr lesen >>>

Verbrannter Hände greifen

In den gewaltigen Ausmaßen der Marienkirche zu mehr lesen >>>

Halme und Schatten schmieden

In einem vergessenen Winkel der Welt, mehr lesen >>>

Die Mi-9 Chiffre der Toten

Die See vor der namenlosen mehr lesen >>>

Wenn Im Schatten der Eschen

Hügeldorf ist mehr lesen >>>

Vom Geheimnis der sprechenden

Die mehr lesen >>>


Nutze die Zeit und beginne deine Pläne umzusetzen.

Geheimnisse und Mystik, Die Pillnitzer Insel ist ein Ort voller Geheimnisse und Mystik, wo das Unbekannte und Experimentelle auf den Betrachter wartet. Eine Entdeckungstour beginnt am Dreiländereck zwischen Meußlitz, Sporbitz und Zschieren und führt durch malerische Straßen und vorbei an verträumten […]
Biblioteca Marciana, Die Biblioteca Marciana (Markusbibliothek) ist eine der größten Bibliotheken Italiens und eine der wichtigsten Sammlungen für griechische, lateinische und orientalische Hanfschriften. Die Bibliothek ist aus wertvollen Stiftungen hervorgegangen – die erste erfolgte 1362. Sie wuchs […]
Auf einer Burg Eingeschlafen auf der Lauer Oben ist der alte Ritter; Drüber gehen Regenschauer, Und der Wald rauscht durch das Gitter. Eingewachsen Bart und Haare, Und versteinert Brust und Krause, Sitzt er viele hundert Jahre Oben in der stillen Klause. Wanderungen durch Brandenburg^. Der […]

Informatik, systematische Darstellung, Speicherung, Verarbeitung und Die Stille am Dom zu Köln ist der Anfang einer verborgenen Symphonie.

Die Stille am Dom

Der Domplatz, so vertraut und belebt, taucht in die Nacht. Die Lichter der Gaslaternen tauchen das uralte Pflaster in ein warmes, fahles Licht. Doch als die letzte Glocke verstummt, legt sich eine Stille über die Stadt, die nicht friedlich, sondern gespannt und unnatürlich […]

Informatik, systematische Darstellung, Speicherung, Verarbeitung und Das Echo des Schmerzes hat am Kreuzweg eine Wurzel geschlagen, wird begraben und wartet auf seine stumme Blüte.

Das Echo des

Ein schmaler Umschlag ohne Absender, ein unerwartetes Päckchen Hoffnung in der bleiernen Leere des Lebens. Ein Jahr war vergangen, seit die Stille die einzige Antwort war. Dann kam die erste Blume - eine Akelei, die unter Klebeband wie ein gefangener Herzschlag zuckte. Ein […]

Informatik, systematische Darstellung, Speicherung, Verarbeitung und Jeder Regentropfen ist ein geheimer Türöffner in die Vergangenheit dieser Welt.

Jeder

Die Welt war eingekapselt in der trockenen Stille der Wohnung, bis ein ungestümer, beinahe unwiderstehlicher Impuls einen Mann in das lebendige Chaos hinauszog. Es war kein Plan, keine Erledigung - nur das instinktive Ziehen in den Fingerspitzen, das stärker war als jede […]


Diese Seite verwendet Cookies, um Inhalte und Anzeigen zu personalisieren. Bilder werden bei Flickr und Google gehostet, somit erhalten US-Firmen Informationen zu Nutzern unserer Website. Mit der Nutzung unserer Webseite stimmen Sie dem zu! Zustimmen Details ansehen