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Alter Mann, ewiges Feuer und verborgenen Flussinsel.

Der Fluss trug den Geruch von feuchtem Gras und alter Erinnerung in sich.

Der Fluss trug den Geruch von feuchtem Gras und alter Erinnerung in sich, als Lina zum ersten Mal sein Ufer betrat.

Der Wagen roch nach Hund und verbranntem Kaffee.

Der Wagen roch nach Hund und verbranntem Kaffee. Lina saß auf der Rückbank, die Knie an die Tür gedrückt, und starrte durch das Seitenfenster auf die vorbeiziehenden Felder. Die Sonne stand hoch, ihr Licht fiel in breiten Bahnen durch die Scheiben und zeichnete bewegliche Muster auf ihre nackten Arme. Links von ihr schlief ihr Bruder Max, der Mund halb offen, ein Faden Speichel auf dem Kinn. Rechts von ihr hatte ihre Mutter einen alten Reiseführer aufgeschlagen und las laut daraus vor. Wir fahren an der Elbe entlang, sagte sie. Hier gab es früher eine Fähre. Lina hörte nicht hin. Ihre Aufmerksamkeit gehörte den Bäumen, die am Straßenrand standen, ihren Kronen die Form von riesigen, grünen Wolken. Einige hatten bereits gelbe Blätter, die im Wind zitterten, als wollten sie gleich abfliegen. Vater fuhr schweigend. Seine Hände lagen auf dem Lenkrad, die Daumen trommelten einen leisen Rhythmus auf das Leder. Er war ein stiller Mann, einer, der mit dem Schweigen besser umgehen konnte als mit Worten. Wo ist der See?, fragte Lina. Das ist kein See, sagte die Mutter. Es ist ein Fluss. Die Elbe. Sie fließt durch ganz Deutschland. Ich mag Flüsse, sagte Lina. Sie wusste nicht, warum sie das sagte. Es war einfach so. Der Wagen bog von der Hauptstraße ab, auf einen schmalen, unbefestigten Weg, der sich durch hohes Gras und Wildblumen schlängelte. Die Räder quietschten, als sie über kleine Steine fuhren. Lina lehnte sich vor und spähte durch die Windschutzscheibe. Vor ihnen lag ein Parkplatz, halb zugewachsen, mit einer alten, verwitterten Holzbank und einem Schild, dessen Buchstaben kaum noch lesbar waren. Wir sind da, sagte der Vater.

Der Weg zum Flussufer war schmal und steil.

Der Weg zum Flussufer war schmal und steil. Lina lief voraus, ihre Turnschuhe sanken in den weichen, feuchten Boden ein. Der Geruch von Wasser und Schilf stieg ihr in die Nase, ein Duft, den sie kannte, aber nicht benennen konnte. Hinter ihr hörte sie die schweren Schritte ihres Vaters, die leichteren ihrer Mutter und das gelegentliche Stöhnen von Max, der sich über jeden Schritt beschwerte. Dann kam die Öffnung zwischen den Bäumen, und der Fluss lag vor ihr. Er war breit, viel breiter, als sie gedacht hatte. Sein Wasser bewegte sich in langsamen, gleichmäßigen Wellen, die von der Strömung getragen wurden, als hätte er es nicht eilig, irgendwohin zu kommen. Die Oberfläche glitzerte im Nachmittagslicht wie eine riesige, flüssige Silbermünze. Auf der anderen Seite des Flusses sah sie Bäume, die fast bis ans Wasser reichten, ihre Wurzeln wie Krallen in das Ufer geschlagen. Mama, sagte sie. Kann man da rüberschwimmen? Nein, sagte ihre Mutter, die hinter ihr auftauchte. Das ist viel zu gefährlich. Die Strömung ist stark. Lina trat näher ans Ufer. Das Wasser war klar, sie konnte die Kiesel am Grund sehen, die sich in sanften Hügeln unter der Oberfläche abzeichneten. Ein kleiner Fisch zog in einer flinken Bewegung vorbei, sein Körper ein Schatten im Licht. Sie hätte sich am liebsten die Schuhe ausgezogen und ihre Füße in das Wasser getaucht. Aber ihre Mutter hatte es verboten. Schau, sagte Max, der nun auch am Ufer stand und auf eine Stelle flussabwärts deutete. Da ist etwas. Lina folgte seinem Blick. Ein Stück weiter, dort wo der Fluss eine leichte Biegung machte, ragte etwas aus dem Wasser. Es war eine kleine, bewachsene Fläche, die von Wasser umgeben war, eine Insel. Sie war nicht groß, kaum größer als der Garten vor ihrem Haus, aber sie trug ein paar Bäume, deren Äste sich über das Wasser neigten, als wollten sie das, was auf ihnen wuchs, beschützen. Das ist eine Insel, sagte Lina. Kann man da hin? Nein, sagte der Vater, der nun neben ihr stand. Da kommt man nicht hin. Es gibt keine Brücke. Lina starrte auf die Insel. Sie hatte ein seltsames Gefühl, ein Kribbeln im Bauch, das sie nicht einordnen konnte.

Am Ufer halb im Schilf versteckt lag ein kleines Boot.

Am Ufer, halb im Schilf versteckt, lag ein kleines Boot. Es war alt, das Holz war grau und verwittert, und eine der Ruderleisten war gebrochen. Lina entdeckte es, als sie ein Stück am Ufer entlanglief, die Hände in den Taschen, die Gedanken bei der Insel. Das Boot ist kaputt, rief sie. Der Vater kam herüber, beugte sich vor, untersuchte das Holz. Ja, sagte er. Seit Jahren schon. Das wird sich keiner mehr ansehen. Aber es schwimmt, sagte Lina. Das Wasser unter dem Boot war ruhig, der Rumpf berührte die Oberfläche, als ob er nur darauf wartete, loszulassen. Komm, sagte die Mutter. Wir suchen uns einen Platz zum Picknicken. Lina folgte widerwillig. Der Fluss rauschte leise, die Vögel sangen, und in der Ferne ragte die Insel aus dem Wasser, unerreichbar, ein Rätsel, das sie nicht lösen konnte. Sie wandte sich ab und ging zurück zur Familie. Aber sie warf noch einen letzten Blick auf das Boot.

Sie fanden einen Platz unter einer großen Weide deren lange herabhängende Zweige wie ein Vorhang den Boden berührten.

Sie fanden einen Platz unter einer großen Weide, deren lange, herabhängende Zweige wie ein Vorhang den Boden berührten. Die Mutter breitete eine Decke aus, packte das Essen aus: Brote, Äpfel, eine Thermoskanne mit kalter Limonade. Max setzte sich sofort hin und griff nach dem ersten Brot, seine Finger schon mit Krümeln bedeckt. Der Vater stand noch eine Weile, schaute über den Fluss, zündete sich eine Zigarette an und paffte den Rauch in die klare Luft. Lina setzte sich an den Rand der Decke, den Blick auf das Wasser gerichtet. Die Insel war von hier aus gut zu sehen, ihre Umrisse scharf vor dem hellen Himmel. Sie zählte die Bäume, vier, fünf, sechs. Zwischen ihnen schien etwas zu liegen, ein Schimmer, den sie nicht zu deuten wusste. Isst du was?, fragte die Mutter. Lina nahm ein Brot, kaute langsam, ohne hinzusehen. Der Fluss floss gleichmäßig weiter, die Strömung zog kleine Blätter und Zweige mit sich, die im Wasser tanzten, bevor sie verschwanden. Lina dachte an das Boot, an die Insel, an das Licht, das sie in den Bäumen gesehen hatte. Vielleicht, dachte sie, kommt man doch hin. Vielleicht muss man nur den richtigen Weg finden.

Der Abend brach schnell herein.

Der Abend brach schnell herein. Die Sonne verschwand hinter den Bäumen, und die Luft wurde kühler, der Fluss dunkelte nach, bis er wie eine schwarze, sich langsam bewegende Fläche vor ihnen lag. Die Mutter baute das Zelt auf, ein kleines, gelbes Zelt, das aussah wie ein aufgeschlagenes Buch. Max war schon in seinen Schlafsack gekrochen, seine Augen geschlossen, seine Atemzüge gleichmäßig. Lina lag auf dem Rücken, die Hände unter dem Kopf verschränkt, und starrte durch das Netz des Zelts in den Himmel. Die Sterne waren gekommen, einer nach dem anderen, kleine weiße Punkte in einem unendlichen, dunklen Blau. Sie hörte das Rauschen des Flusses. Es war ein gleichmäßiges, leises Geräusch, das an ein Lied erinnerte, das sie einmal gehört hatte, aber nicht mehr zuordnen konnte. Sie schloss die Augen, und der Fluss trug sie fort, in einen Traum, der sie in die Mitte der Insel führte, wo ein kleines Feuer brannte und ein alter Mann sie erwartete.

Am nächsten Morgen war Lina früh wach.

Am nächsten Morgen war Lina früh wach. Die Sonne war noch nicht ganz aufgegangen, der Himmel über dem Fluss hatte die Farbe von zartem Pfirsich, die Wolken waren hauchdünn, fast durchsichtig. Sie schlüpfte aus dem Zelt, zog ihre Schuhe an und lief zum Ufer. Das Boot war noch da. Es lag im Morgenlicht, das Wasser war ruhig, der Fluss floss leise, als hätte er die Nacht über geschlafen und wäre nun bereit für einen neuen Tag. Sie trat näher. Das Holz war alt, aber es fühlte sich nicht brüchig an, als sie die Hand auf den Rand legte. Das Wasser war klar, der Grund sichtbar, eine Schicht aus feinem Sand und kleinen Steinen. Sie streifte die Schuhe ab, rollte die Hosen hoch und watete hinein. Das Wasser war kalt, aber sie spürte es kaum. Sie schob das Boot vom Ufer. Es glitt leise ins Wasser, der Rumpf hob sich und schwamm. In diesem Augenblick hörte sie eine Stimme. Leise, wie aus weiter Ferne. Komm, sagte die Stimme. Lina hob den Kopf. Die Insel lag vor ihr, die Bäume standen still, und zwischen ihnen, ganz klein, ein Rauch, der in den Himmel stieg. Sie kletterte ins Boot. Es schwankte, aber es hielt. Sie nahm das intakte Ruder, tauchte es ins Wasser und ruderte los.

Das Boot stieß sanft gegen das Ufer der Insel.

Das Boot stieß sanft gegen das Ufer der Insel. Lina sprang heraus, ihre Füße sanken in den weichen, feuchten Boden. Die Luft war anders hier, dichter, schwerer, mit einem Duft, der ihr fremd war und doch vertraut. Sie wusste nicht, ob er von den Bäumen kam, von der Erde oder von dem, was sie sehen wollte. Sie ging zwischen den Stämmen hindurch, die Blätter rauschten über ihr, als würden sie ihr etwas zurufen. Das Licht fiel in grünen Schleiern durch das Laub und malte flackernde Muster auf den Boden. In der Mitte der Insel, auf einer kleinen Lichtung, brannte ein Feuer. Es war kein großes Feuer, nur ein kleines, ruhiges Flämmchen, das in einem Kreis aus Steinen lag. Der alte Mann saß daneben. Er hatte ein Gesicht, das aus Falten zu bestehen schien, die Haut war wie Leder, die Augen hell und wach. Er trug eine dicke, graue Jacke, seine Hände ruhten auf den Knien. Ich habe dich erwartet, sagte er. Lina blieb stehen. Sie hatte keine Angst. Das Kribbeln in ihrem Bauch war verschwunden, und etwas anderes war an seine Stelle getreten. Wer sind Sie?, fragte sie. Der alte Mann lächelte. Ein Lächeln, das die Jahre trug, aber keine Spur von Müdigkeit zeigte. Ich bin der Hüter des Feuers, sagte er. Und du bist die Erste, die den Weg gefunden hat, seit vielen Jahren.

Der alte Mann deutete auf einen Platz neben sich.

Der alte Mann deutete auf einen Platz neben sich. Lina setzte sich, ihre Beine untergeschlagen, die Hände auf den Knien. Das Feuer knisterte leise, die Flammen zuckten, als ob sie lebten. Du hast Hunger, sagte er. Lina nickte. Sie hatte nicht bemerkt, wie hungrig sie war, aber jetzt, wo er es sagte, spürte sie es, einen leichten Schmerz in der Magengegend. Der alte Mann stand auf, ging zu einer kleinen Mulde, die mit Moos bedeckt war, und holte einen Topf hervor, eine kleine, schwarze Pfanne, einen Holzlöffel. Er legte Holz auf das Feuer, das sofort aufloderte, die Flammen wurden höher und wärmer. Dann begann er zu kochen. Er tat Dinge, die Lina nicht verstand. Er nahm eine Handvoll Kräuter aus der Jackentasche, gab sie in die Pfanne, fügte etwas hinzu, das wie Wasser aussah, aber nicht aus dem Fluss kam. Er rührte, die Bewegungen seiner Hand waren gleichmäßig, fast ein Tanz, das Feuer warf rote und goldene Schatten auf sein Gesicht. Der Geruch, der aufstieg, war anders als alles, was Lina kannte. Er war warm, erdhaft, mit einer süßen Note, die an Blüten erinnerte. Ihr Magen zog sich zusammen. Der alte Mann füllte das Essen in eine Schale und reichte sie ihr. Sie nahm sie entgegen. Die Schale war aus Holz, glatt und warm. Das Essen sah aus wie ein Eintopf, dunkel, mit kleinen Kräutern darin. Iss, sagte er. Und hör zu. Lina nahm den Löffel, führte ihn zum Mund, und in dem Augenblick, als die erste Kost ihre Zunge berührte, geschah etwas Seltsames. Die Welt um sie herum schien sich zu verändern. Das Feuer flammte höher, die Flammen tanzten in einer Form, die sie kannte, aber nicht benennen konnte. Die Bäume neigten sich, ihre Kronen begannen zu summen, ein leises, tiefes Summen, das aus dem Holz selbst zu kommen schien. Der Fluss, der die Insel umgab, rauschte lauter, und in seinem Rauschen hörte sie Worte. Erinnerungen, sagte der alte Mann. Nicht deine. Aber du kannst sie jetzt sehen. Lina schloss die Augen. Und dann sah sie es.

Sie sah einen Mann der vor langer Zeit am Ufer dieses Flusses gestanden hatte.

Sie sah einen Mann, der vor langer Zeit am Ufer dieses Flusses gestanden hatte. Er trug eine alte Uniform, sein Gesicht war gezeichnet von Wind und Wetter. Er hielt eine Angel in der Hand, das Wasser spiegelte den grauen Himmel. Neben ihm stand eine Frau mit einem Kind auf dem Arm. Sie sah, wie sie einen Fisch fingen, wie die Frau ihn ausnahm, wie das Kind kleine Steine ins Wasser warf und lachte. Das Bild verschwand, ein neues kam. Eine Gruppe von Menschen, die am Feuer saßen, genau an dieser Stelle, auf dieser Insel. Sie aßen, sie sangen, sie erzählten Geschichten. Die Gesichter wechselten, die Jahrzehnte zogen vorbei, aber das Feuer blieb. Das ist das Erbe des Flusses, sagte die Stimme des alten Mannes, die nun in ihrem Kopf zu hören war. Du bist die Erste, die es sehen kann. Lina öffnete die Augen. Die Welt war wieder da, das Feuer, der alte Mann, die Bäume. Aber sie war anders, sie war durchsichtig geworden, sie trug die Spuren all der Menschen, die hier gewesen waren. Wer waren diese Menschen?, fragte sie. Der alte Mann zuckte mit den Schultern. Sie haben vergessen, sagte er. Aber du wirst dich erinnern.

Die Sonne stand nun hoch am Himmel ihr Licht fiel in breiten Bahnen auf die Lichtung.

Die Sonne stand nun hoch am Himmel, ihr Licht fiel in breiten Bahnen auf die Lichtung. Das Feuer brannte ruhig, die Flammen züngelten gleichmäßig, als hätten sie Zeit. Wie lange haben Sie schon das Feuer gehütet?, fragte Lina. Der alte Mann überlegte. Seit ich denken kann, sagte er. Und ich denke seit langer Zeit. Das Feuer war hier, als ich kam. Es wird hier sein, wenn ich gehe. Lina schwieg. Sie dachte an ihre Eltern, die sicher schon wach waren, an Max, der bestimmt aufgeregt durch das Zelt lief und nach ihr rief. Sie sollte zurück. Aber sie wollte noch bleiben. Darf ich noch einmal essen?, fragte sie. Der alte Mann lächelte. Die Pfanne war noch warm, die Schale gefüllt. Sie aß, und dieses Mal war der Geschmack anders, nicht mehr fremd, sondern vertraut, als hätte sie ihn schon immer gekannt. Das ist das Geheimnis des Feuers, sagte der alte Mann, während sie aß. Es verändert das Essen, aber es verändert auch den, der es isst. Es macht ihn zum Teil der Geschichte, die er aufnimmt.

Die Sonne stand schon im Westen als Lina das Boot bestieg.

Die Sonne stand schon im Westen, als Lina das Boot bestieg. Der alte Mann stand am Ufer und sah ihr nach. Sein Gesicht war ruhig, seine Hand hob sich zu einem leichten Gruß. Komm wieder, sagte er. Das Feuer braucht Menschen, die es sehen. Lina ruderte zurück. Der Fluss war glatt, das Wasser trug das Boot mühelos. Als sie das Ufer erreichte, zog sie das Boot ins Schilf, versteckte es unter den Zweigen, genau wie sie es vorgefunden hatte. Ihre Eltern standen am Zelt, ihre Gesichter waren besorgt. Max rannte auf sie zu. Wo warst du?, rief er. Lina lächelte. Sie wusste, dass sie es nicht erklären konnte. Es gab keine Worte für das, was sie gesehen hatte. Ich war auf der Insel, sagte sie. Ihre Eltern schauten sich an. Die Insel war von hier aus zu sehen, aber es gab keine Möglichkeit hinzukommen. Wir haben keine Brücke, sagte die Mutter. Ich hatte ein Boot, sagte Lina. Der Vater trat näher, sah sie an, dann das Schilf, dann die Insel. Er sagte nichts. Aber in seinen Augen war etwas, das Lina nicht einordnen konnte, eine kleine Bewegung, die wie Verwunderung aussah.

Am Abend saß Lina am Feuer das ihr Vater entzündet hatte.

Am Abend saß Lina am Feuer, das ihr Vater entzündet hatte. Die Flammen zuckten im Wind, die Wärme kroch über ihre Haut. Sie schaute in das Feuer und dachte an den alten Mann, an sein Lächeln, an das Essen, das die Welt verändert hatte. Hast du wirklich etwas auf der Insel gefunden?, fragte ihre Mutter. Sie hatte sich neben sie gesetzt, den Blick auf die Flammen gerichtet. Ja, sagte Lina. Da ist ein Mann. Ein alter Mann. Er kocht am Feuer. Die Mutter schaute sie an, zögerte, wollte etwas sagen, aber sie sagte es nicht. Dein Großvater hat mir einmal eine Geschichte erzählt, sagte sie leise. Von einer Insel, die nicht auf jeder Karte zu sehen ist. Und von einem Mann, der das Feuer bewacht. Lina schaute auf. Ihre Mutter hatte nie von ihrem Großvater erzählt. Was hat er noch gesagt?, fragte sie. Die Mutter schwieg einen Moment. Dass man nur hinkommt, wenn man wirklich hungrig ist. Nicht nur am Bauch, sagte sie. Sondern auch im Herz.

In dieser Nacht konnte Lina nicht schlafen.

In dieser Nacht konnte Lina nicht schlafen. Sie lag im Zelt, die Decke bis zum Kinn gezogen, und lauschte auf das Rauschen des Flusses. Es klang anders als zuvor, nicht mehr gleichmäßig, sondern wie ein Flüstern, das ihr etwas erzählte. Sie stand auf, schlüpfte hinaus. Die Nacht war kalt, der Himmel mit Sternen übersät, der Fluss glitzerte im Mondlicht. Sie lief zum Ufer, drückte sich durch die Zweige des Schilfs, und da lag es, das Boot, auf sie wartend. Sie ruderte zur Insel. Das Feuer brannte noch, es flackerte ruhig vor sich hin, der alte Mann saß daneben. Ich wusste, dass du wiederkommst, sagte er. Lina setzte sich zu ihm. Meine Mutter hat von Ihnen erzählt, sagte sie. Mein Großvater hat ihr von der Insel erzählt. Der alte Mann nickte. Dein Großvater war ein guter Mann, sagte er. Er hat das Feuer gesehen, einmal, vor langer Zeit. Er war hungrig, so wie du. Lina schwieg. Sie dachte an ihren Großvater, den sie nie kennengelernt hatte. An die Geschichten, die ihre Mutter ihm nicht erzählt hatte. Wird das Feuer immer hier sein?, fragte sie. Ja, sagte der alte Mann. Solange jemand kommt, der es sieht, wird es hier sein.

Am Morgen bevor sie aufbrach lud der alte Mann Lina ein noch einmal mit ihm zu essen.

Am Morgen, bevor sie aufbrach, lud der alte Mann Lina ein, noch einmal mit ihm zu essen. Er bereitete das Mahl, diesmal langsamer, mit einer Feierlichkeit, die Lina den Atem stocken ließ. Das ist das letzte Mal, sagte er. Nicht für immer. Aber für jetzt. Sie aßen schweigend, die Bäume um sie herum schienen zuzuhören. Das Feuer knisterte, der Fluss rauschte, der Himmel war klar und blau. Der Geschmack des Essens war in diesem Moment nicht nur Nahrung, sondern ein Abschiedsgruß, der in ihr blieb. Als sie das Boot bestieg, gab der alte Mann ihr ein kleines Stück Holz, ein Stück vom Feuer, das er ihr in ein Tuch gewickelt hatte. Nimm das mit, sagte er. Wenn du es brauchst, wirst du wissen, wann. Lina nahm es. Das Holz war warm, es zitterte in ihrer Hand, als ob es lebte. Sie ruderte zurück, und als sie das Ufer erreichte, drehte sie sich um. Die Insel war noch da, die Bäume standen, der Rauch stieg in den Himmel. Aber der alte Mann war verschwunden.

Jahre später als Lina längst erwachsen war erinnerte sie sich oft an die Flussinsel.

Jahre später, als Lina längst erwachsen war und ihren eigenen Weg gefunden hatte, erinnerte sie sich oft an die Flussinsel. Das Feuerholz lag in einer kleinen Kiste auf ihrem Schreibtisch, das Tuch war verblasst, aber das Holz selbst war immer noch warm, wenn sie es berührte. Sie kehrte nie wieder zur Insel zurück. Nicht, weil sie es nicht wollte, sondern weil sie wusste, dass es nicht nötig war. Die Insel war nicht einfach ein Ort, den man besucht. Sie war ein Ort, den man in sich trägt, ein Feuer, das brennt, auch wenn niemand zusieht. Manchmal, wenn sie kochte, ein einfaches Gericht, das sie als Kind geliebt hatte, dachte sie an den alten Mann und sein Lächeln. Und manchmal, wenn der Wind von der Elbe wehte, hörte sie den Fluss flüstern, die Stimmen derer, die vor ihr gekommen waren, und die derer, die noch kommen würden. Denn das Feuer brennt immer, solange es jemand gibt, der es sieht.


Mit herzlichem Dank und den besten Wünschen,
Ihr Kartograf der Kuriositäten und globetrottender Geschichtenerzähler

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*Der geneigte Leser möge entschuldigen, dass wir nicht erwähnen, welche Orte, Ortsnamen und Sehenswürdigkeiten im Verlaufe der vergangenen mehr als 100 Jahre, durch den ersten und zweiten Weltkrieg, viele Jahre entwickelte Sozialistische Gesellschaft und mehrerer Rechtschreibreformen verloren gingen oder geändert wurden.

Quellenangaben:
Inspiriert von den düsteren Erinnerungen an einem herbstlichen Vormittag
Der Sagenschatz des Königreichs Sachsen,
Meyers Konversations-Lexikon 3. Auflage 1874 - 1884
Wikipedia – Die freie Enzyklopädie

In eine entgegengesetzte Richtung führte die begründete Phänomenologie, die explizit die Untersuchung subjektiver, geistiger Phänomene der Lausitz im Spreewald zum Ziel hatte 185

Der Geist im Spreewald ist nur denkbar, wenn es Entsprechungen im Geist einer Vielzahl von Individuen in der Lausitz gibt. Mir am Herzen, liebes Kind, Spielst du froh im Morgenwind 183

lausitz-spreewald-181

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