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Das Geheimnis der Laterne von Diesbar-Seußlitz.

Fahrgäste die nie zurückkehren.

Der alte Mann an der Reling hielt eine Laterne, die nicht brannte. Sein Gesicht war vom Wetter gezeichnet, von Jahren des Wartens auf ein Licht, das nie gekommen war. Er nannte sich den Laternenwärter von Diesbar, und wenn er sprach, klang seine Stimme wie das Knarren eines vertäuten Kahns im ablaufenden Wasser. Niemand wusste, warum er an Bord war. Niemand fragte. Die meisten Passagiere sahen nur einen verwirrten Alten mit einer nutzlosen Messinglaterne. Ich sah mehr. Ich sah die Geduld. Sie lag in seinen Händen, still und schwer wie Stein.

Die Stadt Meißen legt ab.

Das Dampfboot hieß Stadt Meißen. Um sechs Uhr früh löste sich der Schaufelraddampfer von der Anlegestelle in Dresden, und die Schaufelräder begannen ihr gleichmäßiges Schaufeln durch das graugrüne Wasser der Elbe. Der Himmel hing tief, ein Septemberhimmel ohne Farbe. Die ersten Passagiere standen auf dem Vordeck, die Hände an der kalten Reling, und sahen zu, wie die Türme der Altstadt langsam zurückwichen. In einer halben Stunde würde das Schiff Meißen erreichen, und dann, irgendwann hinter Hamburg, die offene See. England. Ich wollte nicht nach England. Ich hatte einen Schuldschein in der Tasche, einen falschen Namen und eine Kajüte zweiter Klasse. Und ich hatte noch sechs Tage bis zur Wahrheit.

Das Gesicht hinter der Laterne.

Ich bemerkte den alten Mann zum ersten Mal auf Höhe von Radebeul. Er saß auf einer Holzbank nahe dem Heck, die Laterne auf seinem Schoß wie ein krankes Kind. Sein Mantel roch nach feuchter Wolle und altem Lampenöl. Die anderen Passagiere mieden ihn, ohne es zu wollen. Es war, als ginge eine unsichtbare Kälte von ihm aus, ein Gefühl von etwas Unerledigtem. Ich setzte mich neben ihn, nicht aus Mitleid, sondern aus Neugier. Sein Name sei Emil Tannert, sagte er, und er sei der letzte Laternenwärter von Diesbar. Ob ich das Dorf kenne? Ich kannte es. Ein winziger Ort elbabwärts, Weinberge, eine Fähre. Und ein altes Laternenhaus am Ufer, das schon lange nicht mehr in Betrieb war.

Das Lichtsignal.

Die Burg Meißen tauchte am Backbord auf. Emil Tannert erhob sich von seiner Bank und trat an die Reling. Seine Finger umklammerten den Messinggriff der Laterne, während das Dampfboot an den steilen Weinbergen vorbeiglitt. Vor zwanzig Jahren, sagte er, habe ihm jemand ein Licht versprochen. Ein Signal von der anderen Elbseite. Ein Zeichen, dass alles vergeben sei. Zwanzig Jahre lang hatte er jeden Abend seine Laterne angezündet, jeden Abend gewartet. Bis ihm das Öl ausging und die Geduld blieb. Dann war das Laternenhaus geschlossen worden, die Schifffahrt hatte neue elektrische Leuchtfeuer bekommen, und Emil Tannert war ein Wärter ohne Licht geworden. Jetzt fuhr er nach England, weil ihm ein Brief gesagt hatte, dort werde das Signal endlich zu sehen sein.

Die Dame mit dem Medaillon.

Die Engländerin betrat den Speisesaal, als das Schiff die Brücke von Meißen passierte. Sie trug ein taubenblaues Kostüm und an einem schmalen Samtband um den Hals ein viktorianisches Medaillon. Es war aus Silber mit einem dunkelroten Stein in der Mitte, einem Granat. Ich saß am Nebentisch, einen kalten Tee vor mir, und beobachtete, wie sie sich umblickte. Sie suchte jemanden. Ihr Blick streifte Emil Tannert und blieb für eine Sekunde an seiner Laterne hängen. Dann setzte sie sich, bestellte nichts und starrte aus dem Fenster, hinaus auf den Fluss, als zähle sie die Uferbäume. Zwei Stunden später war das Medaillon verschwunden.

Der leere Haken.

Der Kapitän hieß Lüttgen und hatte einen Schnurrbart, der aussah wie eine umgedrehte Möwe. Er stand im Salon, die Hände auf dem Rücken, und hörte sich an, was die Engländerin zu sagen hatte. Jemand hatte ihre Kabinentür aufgebrochen. Das Medaillon lag nicht mehr in der Schatulle, nur der Samthaken war leer. Keine Spuren, kein verdächtiges Geräusch in der Nacht, nur das Stampfen der Maschine und das ferne Rauschen des Wassers. Kapitän Lüttgen nickte langsam und ließ den Blick über die versammelten Passagiere schweifen. Emil Tannert saß abseits auf einem Stuhl, die Laterne auf dem Schoß, und schien zu schlafen. Ich wusste, dass er nicht schlief. Ich hatte nachts Schritte an Deck gehört, leichte Schritte, fast unhörbar. Fast.

Das Logbuch der Geduld.

Ich begann mit meinen Nachforschungen im Salon der zweiten Klasse, wo eine kleine Bordbibliothek stand. Zwischen zerlesenen Romanen und einem Kursbuch der Sächsischen Dampfschifffahrt fand ich das Logbuch eines alten Schiffes. Es trug den Namen Geduld, ein Seitenraddampfer, der vor zwanzig Jahren in Hamburg abgewrackt worden war. Das Buch roch nach Moder und altem Papier. Ich blätterte die vergilbten Seiten durch, las von Passagierzahlen und Wasserständen, bis ich auf eine handschriftliche Notiz stieß, die nicht vom Kapitän stammte. Ein Name. Ein Datum. Und ein Satz: Das Licht über England wird er nicht sehen.

Der Name im Buch.

Der Name im Logbuch war der eines Mannes, den ich kannte. Oder vielmehr: den mein Vater gekannt hatte, vor vielen Jahren, als unser Familienname noch unbefleckt war und mein Vater nicht mit falschen Papieren durch Sachsen reiste. Der Name gehörte zu einem jungen Leichtmatrosen, der 1895 auf der Geduld angeheuert hatte und bei einem Zwischenfall über Bord gegangen war. Tot, hieß es. Die Akten nannten es einen Unfall. Aber die private Notiz im Logbuch sprach eine andere Sprache. Sie sprach von einem gestohlenen Schmuckstück, einem Medaillon mit Granatstein, und von einem Mann, der einen falschen Namen trug und im Laternenhaus von Diesbar auf ein Zeichen wartete.

Zwei Laternen.

Am Abend stand Emil Tannert wieder an der Reling. Das Schiff hatte Meißen längst hinter sich gelassen, die Weinberge von Diesbar rückten näher. Ich trat zu ihm und legte meine Hand neben seine auf das kalte Metall der Laterne. Ich fragte ihn nach dem Leichtmatrosen. Er schwieg eine Weile, die Augen auf das dunkle Wasser gerichtet. Dann sagte er: Er war mein Bruder. Und dann sagte er: Das Medaillon war unseres. Er sprach von einem Streit, von einem Betrug, von einer Frau, die nach England ging und das Medaillon mitnahm. Er sprach von einem Signal, das sein Bruder ihm versprochen hatte, vom anderen Ufer. Ein letztes Leuchten, bevor die Geduld abgewrackt wurde. Das Leuchten kam nie. Der Bruder starb. Und Emil Tannert wartete weiter, zwanzig Jahre, auf ein Licht, das den Fluss nicht überquert hatte.

Der Apthorp-Mann.

Der Mann, der sich am nächsten Morgen an meinen Tisch setzte, trug einen teuren Anzug und ein Lächeln, das nicht zu seinen Augen passte. Er stellte sich als Henry Apthorp vor, ein Geschäftsmann aus London, auf der Heimreise von Dresden. Er sei ein Freund der englischen Dame mit dem Medaillon, sagte er, und er wisse, dass ich Fragen stelle. Er wisse auch, dass ich einen Schuldschein in der Tasche trage und nicht mit meinem richtigen Namen reise. Ich solle aufhören, mich für Dinge zu interessieren, die mich nichts angingen. Dann stand er auf und ließ mich mit meinem kalten Tee allein. Durch das Fenster sah ich, wie das Ufer von Diesbar vorbeizog. Emil Tannert stand auf dem Vordeck, die Laterne in beiden Händen, und blickte hinüber zum alten Laternenhaus. Seine Lippen bewegten sich. Er sprach mit jemandem, den nur er sehen konnte.

Das Haus am Fluss.

Das Laternenhaus von Diesbar stand noch. Ein kleiner, viereckiger Turm aus rotem Backstein, halb verborgen hinter alten Weiden. Von Deck aus konnte ich das zerbrochene Fenster im oberen Stockwerk erkennen und den verrosteten Haken, an dem früher die Signallaterne hing. Der Apthorp-Mann stand jetzt an der Backbordreling und telefonierte mit einem Apparat, den ich noch nie gesehen hatte, ein flaches schwarzes Ding ohne Kabel. Seine Stimme war leise, aber der Wind trug Wortfetzen zu mir herüber. Es ging um das Medaillon. Es ging um eine Übergabe in Hamburg. Und es ging um Emil Tannert, den man für harmlos hielt, für einen verwirrten Alten mit einer leeren Laterne, der nichts verstand. Sie verstanden ihn nicht. Ich begann, ihn zu verstehen.

Die Übergabe.

Am Abend vor Hamburg, als das Schiff in einen dichten Nebel glitt, sah ich die Engländerin auf das Vordeck treten. Sie trug das Medaillon um den Hals. Es war nie gestohlen gewesen. Der Einbruch in ihrer Kabine war eine Inszenierung, inszeniert von Henry Apthorp, um das Medaillon gegen Emil Tannert zu verwenden, gegen sein Wissen, gegen die alte Geschichte, die in Hamburg begraben werden sollte. Ich sah, wie Apthorp auf sie zutrat und sie am Arm packte, grob, ohne die Fassade des Gentlemans. Emil Tannert stand ein Stück entfernt im Nebel, die Laterne auf dem Schoß, und sah zu. Seine Augen waren klar. Zum ersten Mal sah ich keine Verwirrung darin, nur eine stille, fast unerträgliche Wachheit. Er wusste. Er hatte immer gewusst.

Das zweite Licht.

Was dann geschah, erklärte sich nicht von selbst. Ich kann es nur berichten, wie ich es erlebt habe. Der Nebel verdichtete sich über dem Wasser, die Positionslaternen des Dampfboots waren kaum mehr als blasse Flecken im Grau. Emil Tannert stand auf und hob seine Laterne. Sie war leer, ich hatte hineingesehen, kein Öl, kein Docht. Aber er hob sie, als wäre sie gefüllt, und drehte den Zündmechanismus, den kleinen Messinghebel an der Seite, einmal, zweimal. Und dann brannte die Laterne. Nicht hell, nicht grell, sondern sanft, ein warmes, goldenes Licht, das den Nebel nicht durchdrang, aber erhellte. Und vom Ufer, vom alten Laternenhaus bei Diesbar, antwortete ein zweites Licht. Ein Licht, das zwanzig Jahre auf diesen Moment gewartet hatte. Ein Licht, das der Bruder versprochen hatte und das nun, endlich, den Fluss überquerte.

Die Wahrheit an Bord.

Das Medaillon fiel zu Boden. Die Kette war gerissen, die Engländerin schrie auf, und Henry Apthorp griff danach, aber Emil Tannert war schneller. Der alte Mann bückte sich mit einer Geschmeidigkeit, die niemand ihm zugetraut hätte, und hielt das Medaillon in der Hand. Er öffnete es. Im Inneren war ein winziges Bild, ein Porträt zweier Brüder vor einem Laternenhaus. Und ein Datum. Der Tag, an dem die Geduld abgewrackt wurde. Der Tag, an dem sein Bruder starb. Apthorp, so sagte Tannert leise, habe das Medaillon damals gestohlen und den Bruder in den Tod getrieben. Der falsche Name im Logbuch, die inszenierte Diebstahlsanzeige, die Telefonate an Deck – alles Teile eines Plans, um den letzten Zeugen zum Schweigen zu bringen. Aber das Licht vom Ufer hatte gesprochen. Und ein Licht lügt nicht.

Epilog.

In Hamburg verließen wir das Schiff. Emil Tannert trug die Laterne in der einen, das Medaillon in der anderen Hand. Henry Apthorp wurde von zwei Beamten der Hafenpolizei abgeführt, die Engländerin folgte ihm mit gesenktem Kopf. Ich stand auf der Pier, meinen Schuldschein endlich wertlos in der Tasche, und sah dem alten Mann nach, wie er durch die Menge ging. Er bog in eine schmale Gasse ein, und für einen Moment sah ich ihn noch, die Laterne schwach glimmend in der Dämmerung. Dann verschluckte ihn die Hansestadt. England wartete auf mich, irgendwo jenseits der grauen See. Ich hatte keine Eile mehr. Die Geduld, so hatte ich gelernt, war kein Warten auf etwas. Sie war ein Zustand. Ein Licht, das in uns brannte, auch wenn niemand es sah.


Mit herzlichem Dank und dem Stampfen eines alten Schaufelraddampfers,
Ihr geduldiger Flussbummler und Lotse durch die ElbeNebel.

uwR5


*Der geneigte Leser möge es mit Milde betrachten, dass in dieser Geschichte die Zeit ein wenig anders tickt als auf dem Rathausplatz. So manches Dampfschiff hat inzwischen seinen Liegeplatz gewechselt, wurde von Hochwasser und Fortschritt davongetragen, und selbst die Geduld eines Elblotsen ist, fürchte ich, nicht mehr das, was sie einmal war. Sollte also eine Dampfpfeife zur Unzeit ertönen oder ein Lichtsignal im falschen Jahrhundert aufleuchten, so bitte ich um Nachsicht: Der Autor folgte nicht dem Fahrplan, sondern dem Plätschern des Flusses.

Quellenangaben:
Inspiriert von der flackernden Petroleumlampe in lauer Septembernacht an Bord des Schaufelraddampfschiffes und dem Glauben an das Licht.
Der Sagenschatz des Königreichs Sachsen,
Sächsische Dampfschifffahrt – Raddampfer Stadt Meißen
Gemeinde Diesbar-Seußlitz – Ortsgeschichte und Elbufer
Elbdampfer-Archiv – Das Seitenraddampfschiff Geduld
Meyers Konversations-Lexikon 3. Auflage 1874 - 1884
Wikipedia – Die freie Enzyklopädie

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